MORPHEUS

Jenseits von Ewigkeit

Werke von Ellerbrock & Schafft

Werke von Ellerbrock & Schafft

Wir sahen der Kunst beim Werden zu!

Dass es immer wieder Renaissancen des analogen Fotomaterials gibt, liegt sicher an den charmanten Fehlern, die dem Material innewohnen und in den Ergebnissen oft weit über das bloße Abbilden der Wirklichkeit hinaus gehen.

Das Spiel mit den Eigenwilligkeiten und den Fehlermöglichkeiten des Materials führte manchmal zu überraschenden Ergebnissen. Jeder professionelle Fotograf kannte „sein“ Material genau, wusste wie er in den unterschiedlichsten Lichtverhältnissen zu belichten hatte, um zu verwertbaren Ergebnissen zu kommen.

Den meisten Diapositiven war aber der Tod durch Wegwerfen sicher. Im besten Fall konnte man einige Bilder aus einer Auswahl von 100-200 Dias in den Magazinen versenken, vielleicht ein paar Doppelseiten, vielleicht wurden 10-12 Bilder gedruckt. Schon bei der Erstellung der Auswahl wurden rigorose Entscheidungen getroffen: Was Inhaltlich und vor allem ästhetisch nicht standhalten konnte, wurde sofort entsorgt.

Die Mengen an wirklich gutem, aussagekräftigem Material, die trotzdem aufbewahrt wurden, geht über die Jahre natürlich in die Tausende. Ein sehr kleiner Teil unserer Bilder hat sich während der Lagerung selbstständig gemacht und als wir das bemerkten, haben wir, wie es sich für gute Eltern gehört, das natürlich gefördert.

Auf Grund der Lagerbedingungen, einem Kleinstklima mit hoher Luftfeuchtigkeit, entdeckten wir chemische Veränderungen an den Dias, die höchst bemerkenswert waren. Die unterschiedlichen Schichten des Diafilms, begannen ein Eigenleben zu führen – jede Farbschicht ihr eigenes.

Neue Strukturen, unbestimmte Bedeutungen

Diese sich anbahnende, ungewöhnliche, unbekannte Ästhetik gefiel und wir versuchten den Prozess zu kontrollieren und zu bestimmen. Aber so einfach ging das nicht. Wir waren zügige Konsequenzen gewöhnt – sehen, belichten, entwickeln, zack! Fertiges Ergebnis. Hier jedoch war unser wichtigstes Gestaltungsmittel Geduld.

Wir hatten die ersten deutlichen Veränderungen nach rund drei Jahren entdeckt, der Charakter der Veränderungen ließ uns darauf vertrauen, da geht noch was. Wir ließen den Prozess unter häufiger Sichtkontrolle weitere 4 Jahre reifen, und sahen der Kunst beim Werden zu. Dann erst schien ein Endstadium erreicht zu sein.

Wir jedenfalls haben eine Entscheidung getroffen und diese kleine Handvoll Dias eingescannt und geprintet. Wir sehen uns die Bilder jetzt an und versuchen in den neuen Strukturen, die sich frech an alten Farbsäumen und Kanten entwickelt haben, Forschung nach den tatsächlichen Örtlichkeiten und Begegnungen, nach Geschichten, die diesen Bilder eigentlich zu Grunde lagen, zu betreiben. Manche Bilder haben das konkrete Abbild vollkommen durch neue Strukturen und Farben ersetzt und in eigenwillige Formen mit unbestimmten Bedeutungen aufgelöst.

Kein Mensch ahnt, das es sich bei dem Bild mit den Bierflaschen um eine Aufnahme aus dem „Angels place“, dem Vereinslokal der Hamburger Hells Angels handelt. Wir machten in den 80ern eine intensive Reportage über den berüchtigten Motorradclub, waren über mehrere Wochen dicht dran und wöchentliche Gäste in diesem Etablissement. Wir fuhren mit raus, auf die Wochenendcamps. Wir tranken und rauchten, was unsere Gastgeber tranken und rauchten. So ist manch nebulöses Foto entstanden, aber Morpheus hat es allemal an Schrägheit und Überraschung überboten und es auf seltsame Art überhöht.

Die Ortssprünge, die diese Bilder jetzt machen, liegen daran, das wir sie unsystematisch abgelegt haben – auf eine Art Friedhof der gehobenen Fotografie. So kommen wir vom „Angels place“ in Hamburg schnell nach San Francisco, wo wir für GEO ein Foto-Essay fotografierten.

Wir erkennen Boote in der Marina von Fishermans wharf, sind kurz darauf im „Walter S. Johnson Park“, dem Museum für schöne Künste, immer noch zu erkennen am klassizistischem Baustil und natürlich waren wir auch in der Postcard row. Das ist in San Francisco Pflicht.

Von der höchst interessanten und sympathischen Einmischung der Chemie in unsere Bilder haben nur eine Handvoll Dias profitiert. Der Versuch, ein ähnliches Ergebnis unter absichtlichen und kontrollierten Bedingungen herzustellen ist gescheitert.

Die Arbeiten sind weit entfernt von gängigen Bewertungen, oder von der Behauptung, wir hätten es geplant. Das ist klar, aber was ist das nun? Die Fotos sind okkupiert worden, besetzt von einer fremden Macht. Es war zunächst eine zerstörerische, feindliche Übernahme. Ohne unsere Erlaubnis und ohne unser Dazutun.

Aber nach dem wir uns von dem Gedanken verabschiedet hatten, diese, unsere Fotos hätten doch einen Ewigkeitswert, und dieser Hausfriedensbruch sei unverzeihlich – sind wir dem Neuen verfallen, dem ästhetischem Eigenleben. Dieser Farbwucht und den endlosen Strukuren. Jede dieser Metamorphosen hat sich entlang unseres zugrunde liegenden Fotos entwickelt. Anderes Foto, andere Entwicklungen, also fühlen wir uns zutiefst verbunden. Es ergibt eine eigenartige Symbiose: Irgendwo in den Schichten immer noch Teile unserer Fotos.Wir jedenfalls haben eine Entscheidung getroffen und diese kleine Handvoll Dias eingescannt und geprintet. Wir sehen uns die Bilder jetzt an und versuchen in den neuen Strukturen, die sich frech an alten Farbsäumen und Kanten entwickelt haben, Forschung nach den tatsächlichen Örtlichkeiten und Begegnungen, nach Geschichten, die diesen Bilder eigentlich zu Grunde lagen, zu betreiben.

Samstag, 26. September 2020
bis
Sonntag, 4. Oktober 2020

12-18 Uhr (Montags geschlossen)

Barlach Halle K
(im Galeriehaus Hamburg)
Klosterwall 13, Hamburg

Ellerbrock & Schafft

Foto © Michael Korte

Mit Ellerbrock & Schafft ging es mir wie mit Marx und Engels: Es überraschte mich, daß es zwei sind. Manchmal verblüfft es mich heute noch. Bei den Erfindern des Marxismus begreift man deren Unterschiedlichkeit immerhin, wenn man ihren Briefwechsel liest. Aber von Ellerbrock und Schafft kann man die kompletten Werke sichten – stille Landschaften und turbulente Menschen, Fischer und Denker, Nackte und Tote – , ohne dass man sie auch nur ein einziges Mal bei einem Ellerbrock Bild oder einem Schafft-Foto ertappen könnte. Das Duo hat etwas, worüber nicht einmal eineiige Zwillinge verfügen: eine unverwechselbare gemeinsame Handschrift. (…) 

[ Sie haben ] zwei Köpfe. Darin liegt für den Schreiber, der mit ihnen zusammenarbeitet, eine starke Verführung – auch eine zur Bequemlichkeit. Denn mehr, als sich diese beiden Köpfe zu einem Thema ausdenken, fällt ihm selber meistens auch nicht ein. Also lässt er den Fotografen bei der Recherche gern den Vortritt, lässt sie vorausfahren an den Reportage-Ort, ein paar Tage arbeiten, folgt dann und legt sich ins gemachte Bett.

Bei seiner Ankunft duzen sich die Fotografen mit dem halben Ort, kennen seine Menschen, seine Geschichte und seine kleinen Geheimnisse, sie haben Hintergründe nachgelesen und Zusammenhänge analysiert. Der Schreiber notiert. Und die Fotografen, wenn sie ihr Thema theoretisch durchgearbeitet haben, vergessen alles wieder. Verbannen jede Theorie in den Hinterkopf. Betrachten die Welt durch ihre Objektive so unschuldig, als sei sie eben erst entstanden und ihr Liebesblick auf sie der erste, der sie trifft. In dieser Kunst, erst sorgfältig zu denken und dann alles Gedachte wieder zu vergessen, um es zu versinnlichen, liegt für mich eine der erstaunlichsten Fähigkeiten des Duos. (…)

Wie arbeiten die? Der eine von links, der andere von rechts? Der eine die Früh-, der andere die Spätschicht? Oder wie, oder was? Kaum zu beschreiben. Eine ähnliche Art unverständiger Verständigung, oft ohne Worte, mit kurzen Blicken, knappsten Gesten habe ich nur einmal zwischen einem Schäfer und seinem Hund beobachtet. (…)

Von Lars Gustafsson stammt die Vorstellung, dass zu jedem Lebensschiff irgendwo ein Schwesterschiff existiert, das einen ganz anderen Kurs steuert. Manchmal denke ich, dass unter diesen vielen traurigen Single-Schiffen EIlerbrock und Schafft die glückliche Ausnahme sind. Sie haben sich getroffen. (…)

– Auszüge aus einem Text von Peter Sandmeyer

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Streuner oder Flaneur?

Im Herumschweifen mögen sich diese beiden Charaktere ähneln, ihre Voraussetzungen unterscheiden sich.

Den Streuner umgibt etwas Heimatloses, Vertriebenes. Sein Herumziehen ist geprägt von Notwendigkeiten, wie sie sich aus Existenzfragen ergeben. Etwas Unstillbares durchdringt das Wesen, etwas ewig Hungriges. Etwas dauernd zu kurz Gekommenes.

Der Flaneur ist nicht hungrig. Unstillbar vielleicht. Er ist auf ein gewisses „Mehr“ ausgerichtet, bereit und fähig den Augenblick des Genusses anzustreben, zu erkennen und ihm etwas abzugewinnen. Er mag planlos Treiben, aber das Ziel ist Lustgewinn und Verfeinerung, das Durchmessen einer gewissen Tiefe. Das Einsaugen von Wirklichkeit.

So scheint die Wahl, worunter sich der Fotograf verortet fast klar, wer möchte nicht lieber Flaneur sein als Streuner?

Der Flaneur, der Sättigungsbeilagen verschmäht und sich der Haute Cuisine verbunden fühlt ist nett angezogen, ja, eine gewisse Eleganz im Wohlstand ist ihm nicht fremd.

Der Streuner nimmt es, wie es kommt. Er muss beweglich sein und das Zweckmäßige ist ihm näher als das Ästhetische. Am Ende des Tages hat er wieder überlebt.

Und wohin führt uns das? Der Straßenfotograf ist sich darüber im Klaren, das sein Anliegen aus beiden Wesensarten genährt wird. Er muss den Spagat zwischen diesen beiden Welten immer wieder versuchen, denn die Straße ist ein rauer Ort, wenn man sich nicht auf die Boulevards beschränkt und natürlich ist sie das Leben selbst.

Diese Allegorie erfährt einen markanten Zusatzaspekt, wenn die Kamera ins Spiel kommt. Sie ist das Trennende und Verbindende und kann beides gleichzeitig sein. Dem Streuner wird das trennend aggressive näher sein, dem Flaneur der gereifte Frieden.

Und mancher Fotograf, der sich der Dokumentation vom Lebenskampf verschrieben hat, mag die Kamera gar als Schutz zwischen sich und einer nahezu unbeschreiblichen Wirklichkeit empfinden.

Der Kampf ist nicht das Einzige, was die Straße ausmacht. Es ist ebenso Lebensfreude, Vitalität, Gleichgültigkeit.

Es ist die Vermassung des Elends.

Es ist das Vergessen des nicht mehr Brauchbaren, die Verachtung des Unprofitablen, die Konzentration der Unsummen in die Pracht der Macht.

Ein Fotograf wird versuchen, die sich aus seinen Erfahrungen und Erlebnissen ergebende Quersumme in Botschaften entlang seiner eigenen Erkenntnisse zu verdichten. Dann dort liegen seine Fähigkeiten. Keine einfache Aufgabe in einer Welt, in der die Bildbotschaft ein kurzlebiges, löschbares Produkt geworden ist.

Dennoch bleibt die Fotografie ein geeignetes Mittel, um Gesellschaften zu bespiegeln.
Für mich bleiben Fotos wirksam, wenn sie wie ein kraftvolles, eindringliches Wort in einem schönen Gedicht sind – und die richtig guten Bilder sind sogar das Gedicht selbst.

HJ Ellerbrock
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